Die vergessenen Völker dieser Welt
Es ist an der Zeit, neu zu bewerten, warum manchen Flüchtlingen mehr Hilfe zuteilwird als anderen in Not.
Von Neville Berman, 23. September 2026, layoftheland.online
Aus dem Englischen von Martin Christen
Heute gibt es weltweit zwischen 30 und 45 Millionen Kurden. Sie sind überwiegend sunnitische Muslime und bilden die größte ethnische Gruppe der Welt ohne eigenen souveränen Staat. Die Kurden leben in einem riesigen Berggebiet, das sich über die Türkei, den Irak, Syrien und den Iran erstreckt. Sie sind in diesen Regionen, die sie seit Jahrtausenden bewohnen, indigen. Je nach Wohnort sprechen sie Kurdisch, Türkisch, Arabisch und Persisch. In ihrer politischen Ideologie sind sie pro-westlich eingestellt und haben entscheidend zur Niederwerfung des IS beigetragen. Eine gemeinsame Führung haben die Kurden jedoch nie vollständig ausgebildet. Im Jahr 2017 organisierten die Kurden im Irak ein Referendum, bei dem 92 % für einen eigenen kurdischen Staat stimmten. Alle Versuche, einen kurdischen Staat zu gründen, wurden brutal unterdrückt und von den Vereinten Nationen nie anerkannt. Die Kurden wurden in jedem Land, in dem sie leben, angegriffen und um die Erträge aus den Erdölvorkommen gebracht, die in ehemals von ihnen bewohnten Gebieten im Irak und im Iran gefördert werden.
Ihrer Rechte beraubt: Ohne jemals eine massive internationale Unterstützung wie die Palästinenser zu mobilisieren, versammelt sich eine kleine Gruppe der kurdischen Diaspora am 28. Januar 2026 auf dem Leicester Square in London, um zu demonstrieren und die britische Regierung zum Handeln gegen die Offensive des syrischen Militärs in den kurdisch kontrollierten Gebieten Nordostsyriens aufzufordern. (Foto: Wikimedia)
Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Tötung und Inhaftierung Tausender Kurden in der Türkei und in Syrien angeordnet. All seine Aktionen wurden von der westlichen Welt, der liberalen Presse und Menschenrechtsorganisationen ignoriert.
Die Kurden gehören zweifellos zu den vergessenen Völkern dieser Erde. Die Ironie dabei ist, dass die Kurden alle Attribute eines Staates besitzen: Sie verfügen über Land, eine eigene Sprache und Kultur und wären vollkommen überlebensfähig, wenn sie die Kontrolle über das Öl unter ihrem Boden hätten.
Leider hat die Welt eine Eigenstaatlichkeit der Kurden nie unterstützt.
Freifahrtschein: Während die Administration von Präsident Recep Tayyip Erdoğan umfangreiche Militärkampagnen und ein hartes politisches Vorgehen gegen bewaffnete kurdische Separatistengruppen und ihnen nahestehende Politiker durchführt, gibt es kaum internationale Proteste zur Unterstützung der Kurden gegen den türkischen Präsidenten. (Foto: Wikimedia)
Eine weitere Volksgruppe, die nie als Staat anerkannt wurde, sind die Belutschen. Es gibt weltweit über 12 Millionen Belutschen. Sie sind eine iranische Ethnie, die in den Belutschistan-Regionen Pakistans, Irans und Afghanistans einheimisch ist. Die von den Belutschen bewohnten Gebiete im Iran und in Pakistan schließen nahtlos aneinander an. Sie sprechen Belutschisch sowie die Sprache des jeweiligen Landes, in dem sie leben. Über acht Millionen Belutschen leben in Pakistan und zwischen zwei und vier Millionen im Südosten des Iran. Die Belutschen haben zudem eine Jahrhunderte alte Geschichte im Oman, wo heute über eine Million von ihnen leben. Weitere 380.000 Belutschen wohnen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Obwohl sie über eigenes Land, eine einzigartige Sprache und Kultur verfügen, wurde ihnen nie ein eigener Staat angeboten. Sie werden vom iranischen Regime brutal unterdrückt. Es sind Bilder von Belutschen-Führern aufgetaucht, die auf öffentlichen Plätzen in den von ihnen bewohnten Gebieten an Kränen hängen. Diese Hinrichtungen dienen als Warnung an das belutschische Volk, nicht gegen das Regime zu protestieren.
Belutschen-Führer hingerichtet: Während sie von der weltweiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt bleiben, brechen in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi Proteste gegen die Hinrichtung des Militantenführers Abdolmalek Rigi im Iran aus, der „… für die Rechte der Belutschen im Iran kämpfte“. (Foto: Wikimedia)
Die Welt ignoriert das Volk der Belutschen vollkommen.
Die Rohingya lebten seit Generationen in Myanmar. Sie sind eine muslimische Minderheit in einem buddhistisch geprägten Land. Im Jahr 1982 wurde den Rohingya die Anerkennung als ethnische Gruppe in Myanmar verweigert, und sie wurden Verfolgungen ausgesetzt. Jahrzehntelange Diskriminierung entlud sich im August 2017: Bewaffnete Angriffe und schwere Menschenrechtsverletzungen zwangen Hunderte von Tausenden zur Flucht. Heute leben mehr als eine Million Rohingya in Armut in Bangladesch. Die Mehrheit lebt in der Region Cox’s Bazar, in der sich heute das größte Flüchtlingslager der Welt befindet. Die Vereinten Nationen haben die Rohingya als „die am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ bezeichnet. Selbstverständlich sind die Juden die am stärksten verfolgte Minderheit in der Geschichte der Menschheit, aber die UNO wird diese Tatsache niemals anerkennen. Die Rohingya-Flüchtlinge erhalten Hilfe vom UNHCR und anderen humanitären Organisationen. Diese Hilfe ist jedoch minimal, und die Rohingya können kaum ihr Überleben sichern. Sie sind ethnischen Säuberungen ausgesetzt und anfällig für Ausbeutung und Missbrauch. Ihr Leben ist pures Elend. Kein einziges reiches muslimisches Land hat angeboten, seinen Glaubensbrüdern zu helfen.
Die Rohingya sind ein weiteres der vergessenen Völker dieser Welt.
Rohingya auf der Flucht: Wo blieb der Aufschrei für diese tot angeschwemmten erwachsenen und kindlichen Rohingya-Flüchtlinge, die am 31. August 2017 auf einem gekenterten Boot vor Teknaf, Bangladesch ertranken, als sie versuchten, der anhaltenden Gewalt im myanmarischen Bundesstaat Rakhine zu entkommen? (Foto: Wikimedia)
1962 erlangte Ruanda die Unabhängigkeit von der belgischen Kolonialverwaltung. 1973 wurde Juvénal Habyarimana der zweite Hutu-Präsident Ruandas. Am 1. Oktober 1990 brach ein großer ruandischer Bürgerkrieg zwischen den Streitkräften der Regierung (FAR) und der rebellischen Ruandischen Patriotischen Front (RPF) aus. Am 6. April 1994 wurde Präsident Habyarimana bei einem Attentat getötet, als sein Flugzeug von Tutsis abgeschossen wurde. Das Attentat löste den Völkermord an den Tutsis aus: 1994 wurden in Ruanda zwischen 800.000 und eine Million Tutsis von der Hutu-Mehrheit in brutalen Kämpfen ermordet. Etwa 75 % der Tutsi-Bevölkerung wurden im Laufe von 100 Tagen abgeschlachtet. Obwohl Frankreich keine Kolonialherrschaft über Ruanda ausübte, unterhielt es in den 1990er Jahren ein erhebliches politisches Engagement im Land und rüstete die Hutu-Armee aus und bildete sie aus. Zu Beginn des Völkermords entschloss sich Frankreich zur Entsendung von Truppen nach Ruanda, um ausländische Staatsangehörige zu evakuieren – und überließ die Tutsis anschließend ihrem Schicksal. Im Jahr 2021 räumte der französische Präsident Macron eine französische Mitverantwortung dafür ein, gegenüber den Geschehnissen während des Völkermords in Ruanda „blind“ gewesen zu sein, und bat Ruanda um Vergebung für das frühere Verhalten Frankreichs. Die Tutsis gehören ohne Zweifel zu den vergessenen Völkern der Welt.
Blind für die Barbarei: Bei einem Besuch in Ruanda im Jahr 2021 räumte der französische Präsident Macron die Verantwortung dafür ein, gegenüber den Vorgängen während des Völkermords in Ruanda „blind“ gewesen zu sein, als Tutsis zu Tausenden abgeschlachtet wurden und die Welt sowie ihre Institutionen tatenlos zusahen. (Foto: Wikimedia)
Im Jahr 2003 begann im Sudan ein katastrophaler Krieg, als zwei Rebellengruppen – die Sudanesische Befreiungsbewegung (SLM) und die Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit (JEM) – einen Krieg gegen die sudanesische Regierung begannen. Die sudanesische Regierung reagierte mit der Bildung einer bewaffneten arabischen Miliz, den Janjaweed, um den Aufstand niederzuschlagen. Die Janjaweed massakrierten zusammen mit der sudanesischen Armee zwischen 200.000 und 300.000 nicht-arabische ethnische Sudanesen. Sie verursachten eine gewaltige humanitäre Katastrophe durch eine Politik der verbrannten Erde, die Millionen zur Flucht zwang. Zehntausende Frauen wurden vergewaltigt. Schätzungsweise 2,7 Millionen Menschen verloren zwischen 2003 und 2005 ihre Heimat.
Im Jahr 2023 flammte der Krieg im Sudan erneut auf und hält bis heute an. Die UNO schätzt nun, dass über 14 Millionen Sudanesen vertrieben wurden. Etwa 10 Millionen wurden im Landesinneren vertrieben, und 4 Millionen sind in den benachbarten Tschad, den Südsudan, nach Ägypten und in andere Nachbarländer geflohen. Flächendeckende Hungersnöte, das Fehlen adäquater Gesundheitseinrichtungen und grundlegender menschlicher Bedürfnisse bedrohen nun das Leben von zehn Millionen Vertriebenen im Sudan. Im Jahr 2025 stellte der US-Außenminister fest, dass Angehörige der sudanesischen Regierungstruppen, die als Rapid Support Forces (RSF) bekannt sind, einen Völkermord in Darfur begehen. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht, während Luft- und Drohnenangriffe immer häufiger werden. Die Welt hat die Katastrophe im Sudan ignoriert.
Schlachten im Sudan: Dieses Foto, das eine Standrechtliche Hinrichtung von Isaaq-Angehörigen aus Hargeisa in Badhka zeigt – nahe einem Hügel am Stadtrand, wo 25 Soldaten den Opfern, die mit verbundenen Augen sowie gefesselten Händen und Füßen dort lagen, in den Körper schossen, verdeutlicht das Desinteresse eines Großteils der Welt. (Foto: Wikimedia)
Im Grunde kümmert sich die Welt nicht um Bürgerkriege in Afrika, die Millionen von Menschen vertrieben und getötet haben.
Nach Angaben der Vereinten Nationen gibt es im Jahr 2026 weltweit 117 Millionen Menschen, die durch Konflikte, Gewalt oder Verfolgung entwurzelt wurden. Anstatt sich auf die Probleme dieser 117 Millionen Vertriebenen zu konzentrieren, die weltweit vor ethnischen Säuberungen, Hungersnöten und Massenvertreibungen stehen, investiert die Welt weiterhin mehr Mühe und Finanzhilfe in die palästinensischen Flüchtlinge als in alle anderen Flüchtlinge der Welt. Das Bemerkenswerte an dieser Hilfe ist, wie wenig sie das Leben der palästinensischen Bevölkerung verbessert hat. Stattdessen hat sie palästinensische Führungspersönlichkeiten zu Multimillionären oder Milliardären gemacht.
Selektive Anteilnahme: Trotz der über 117 Millionen Vertriebenen, die weltweit von ethnischen Säuberungen, Hungersnöten und Massenvertreibungen betroffen sind, zieht die anhaltende Situation der Palästinenser weiterhin die weltweite Aufmerksamkeit auf sich, wie Medienberichte und öffentliche Proteste belegen. Hier zu sehen ist ein Marsch der Palestine Action Group in Sydney. (Foto: Wikimedia)
Die Palästinenser haben die Kunst perfektioniert, sich selbst als Opfer darzustellen, und die westliche liberale Welt, die hoch verschuldet ist, schüttet weiterhin Geld in die palästinensischen Kassen. Es ist an der Zeit, dass die Welt ihre Unterstützung für die Palästinenser neu bewertet. „Jordan“ ist der Name eines Flusses; es war nie ein Staat. Im Jahr 1922 trennten die Briten 76 % des Mandatsgebiets Palästina ab und nannten es Transjordanien. Anschließend boten sie Transjordanien den Haschimiten an, die von Abdul Aziz, dem Oberhaupt des Hauses Saud, aus Arabien vertrieben worden waren. Transjordanien wurde in Haschemitisches Königreich Jordanien umbenannt. Die Haschimiten stammen nicht aus Jordanien. Die Palästinenser stellen die Mehrheit der Bevölkerung des Königreichs Jordanien. Sowohl von der Lage her als auch als Bevölkerungsmehrheit ist das Haschemitische Königreich Jordanien in Wahrheit ein palästinensischer Staat. Die Welt sollte sich lieber fragen, warum in Jordanien, Syrien, dem Irak, dem Libanon und insbesondere im Gazastreifen immer noch palästinensische Flüchtlingslager existieren. Die gesamte Frage, warum die Welt das Elend von über hundert Millionen Vertriebenen ignoriert hat und warum die palästinensischen Flüchtlinge in keinem der 22 arabischen Staaten im Nahen Osten die Staatsbürgerschaft erhalten haben, muss neu bewertet werden.
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Über den Autor
Der Buchhalter Neville Berman blickt auf eine illustre Sportkarriere in Südafrika zurück: Er wurde zweimal mit dem Sportpreis des südafrikanischen Staatspräsidenten ausgezeichnet und gewann dreimal die Auszeichnung zum südafrikanischen Maccabi-Sportler des Jahres. 1978 wanderte er in die USA aus, um die Herren-Feldhockeynationalmannschaft der Vereinigten Staaten zu trainieren. 1981 wanderte er nach Israel aus, wo er als Buchhalter tätig war und anschließend 20 Jahre lang als Verwaltungsleiter an der American International School in Even Yehuda, Israel, arbeitete. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkeltochter.

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